Christoph Eichhorn beim 17. Wirtschaftsgespräch

„Das digitale Wunderland Estland – Chancen für die deutsche Wirtschaft und Verwaltung“.

Christoph Eichhorn beim Wirtschaftsgespräch 2019

Martin Eul (v. r.), Gastgeber und Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Volksbank, Botschafter Christoph Eichhorn und Ulrich Leitermann, Vorstandsvorsitzender der SIGNAL IDUNA Gruppe

Wirtschaftsgespräch 2019

Weniger diskutieren, einfach machen

Vor Ihnen steht ein überzeugter BVB-Fan seit 1965“ – mit diesen Worten hatte Christoph Eichhorn, Deutscher Botschafter in Estland, das Publikum im Nu auf seiner Seite. Seit 17 Jahren lädt die Dortmunder Volksbank in Kooperation mit den Ruhr Nachrichten einmal im Jahr zum Wirtschaftsgespräch. Hochrangige Redner aus Politik und Wirtschaft sorgen für einen traditionell kurzweiligen Abend – so auch wieder am Montag, als der diesjährige Gastredner Christoph Eichhorn in der einmal mehr voll besetzten Kundenhalle an der Betenstraße einen charmanten Einblick in Land und Leute gab. Von der Steuererklärung in 20 Minuten über das digitale Arztrezept bis hin zum Autokauf vom Sofa aus (inklusive Anmeldung): In einem launigen Vortrag erläuterte Christoph Eichhorn, stilecht mit schwarzgelber Krawatte, vor rund 300 geladenen Gästen mit zahlreichen konkreten Beispielen aus dem Alltag das „digitale Wunderland Estland“, in dem es selbst in den entlegensten Ecken WLAN und damit kein Wort für Funklöcher gibt.

Digitale Unterschrift

E-Government lautet hier das Stichwort, das elektronische Verwaltungssystem kommt ohne
Papierkram aus. Elektronische ID und digitale Unterschrift machen es möglich. Fünf Stunden auf der Kfz-Zulassungsstelle warten, um an ein Nummernschild zu kommen? Des Deutschen Lieblingssport Nummer eins, wie Christoph Eichhorn mit einem Augenzwinkern bemerkte – für einen Esten unvorstellbar. Warum Öffnungszeiten recherchieren, lange Wartezeiten auf einen
Termin in Kauf nehmen und seinen Tagesablauf nach den Arbeitszeiten der Bürgerdienste
strukturieren, wenn man viel schneller mit ein paar Klicks alles online erledigen könnte?

Doch wie kommt es dazu, dass sich ein eher kleines Land wie Estland zum Pionier im Bereich
E-Government aufschwingt und zur „digitalen Lokomotive Europas“ wird, wie Volksbank-Vorstandsvorsitzender Martin Eul in seiner Eröffnungsansprache ausführte? Erklärungen
lieferte Christoph Eichhorn mit einem Blick auf die jüngere Geschichte des baltischen Staats. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit 1991 habe man sich schnell aus der postsowjetischen Schublade befreien wollen. Nach dem Motto „Wir müssen einen Schritt voraus sein, was können wir machen?“ waren pragmatische Ansätze gefragt.

Datenschutz

Wo in Deutschland als erstes die Frage nach dem Gesamtkonzept geklärt werden müsse,
habe man in Estland einfach mal etwas ausprobiert, sich etwas getraut und sich so einen
enormen Vorsprung erarbeitet. Weniger diskutieren – einfach mal machen. Und auch beim Datenschutz gibt es einen fundamentalen Unterschied zur Debatte in Deutschland: Die
Kontrolle über die Daten wird den Bürgern überlassen – die Esten entscheiden selbst, wer
was sehen darf. Den Zugriff auf ihre Daten können sie zu jeder Zeit einsehen und kontrollieren.
Auf Missbrauch stehen hohe Strafen. Damit all dies Alltag werden könne, brauche es jedoch das richtige Mindset, betonte Christoph Eichhorn. Seine Empfehlung: „Sie müssen dem
Bürger was zutrauen, Sie müssen sich lösen von der Idee Gesamtkonzept, Sie müssen an
dem Mindset arbeiten. Sie dürfen sich nicht gefangen nehmen lassen von dem Killargument
Datenschutz. Das Beispiel Estland zeigt, dass es geht.“

Maß und Mitte halten

Martin Eul, Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Volksbank

In das 17. Wirtschaftsgespräch der Dortmunder Volksbank stieg Martin Eul – fast schon traditionell – mit einem Überblick über die derzeitige „Großwetterlage“ ein. Die der Gesamtwirtschaft und die der eigenen Branche. Dabei fand er zum Teil deutliche Worte für einige Auswüchse der jüngsten Vergangenheit. Stichworte waren hier unter anderem Cum-Ex und Geldwäsche. Außerdem würde die EZB mit ihrer nach wie vor praktizierten Niedrigzins-Politik zwar hoch verschuldete und reformunwillige Eurostaaten stützen. Jedoch ginge dies unter anderem zu Lasten der auf Zinserträge angewiesenen deutschen Banken. Den Banken, die insbesondere in Form von Sparkassen und Volksbanken ihre Hausaufgaben in den letzten Jahren gemacht hätten.

Noch würden sie zwar solide wirtschaften und „Maß und Mitte“ halten. Dies müsse auch weiter gelten, werde aber angesichts der Rahmenbedingungen und Wettbewerbsverzerrungen immer schwerer.

Wie man in unruhigen Zeiten mutig in die Zukunft schreite, könne man am Beispiel von Estland sehen, so Eul. Das Land, das nur gut doppelt so viele Einwohner wie Dortmund habe, gelte als eines der fortschrittlichsten im Bereich IT und Digitalisierung.

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